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Skandalöse Hochzeit in Tschetschenien

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Daria

Ein 47-jähriger Polizist heiratet in Tschetschenien eine 17-jährige Schülerin. Menschenrechtler sprechen von einer Zwangsehe. In Russland wächst die öffentliche Empörung über Präsident Kadyrow.

Skandalöse Hochzeit

Die Braut wird von der Mitarbeiterin des Standesamtes aufgefordert, lauter zu reden. Sie steht ein paar Schritte von ihrem Bräutigam entfernt. Alle Blicke, mehrere Kameras und Handys sind in diesem Moment auf sie gerichtet. Sie schaut dagegen betrübt zu Boden, als würde der schwere Schmuck ihrer Kopfbedeckung sie nach unten drücken. Dann sagt sie leise: "Ja."

Eine Verwandte stützt sie von der rechten Seite, der Leiter der tschetschenischen Präsidialverwaltung von der linken. Zusammen führen sie das Mädchen zum Tisch. Ohne den Blick zu heben, setzt sie ihre Unterschrift in die Urkunde. Während die Mitarbeiterin des Standesamtes verkündet, dass sie nun verheiratet ist, dreht sich die Braut mit dem Rücken zu Bräutigam und schaut weiter zu Boden. Festliche Musik spielt. Die Beamtin hält den Kameras zwei geöffnete Pässe mit Stempeln entgegen, die von einer geschlossenen Ehe zeugen. Die Braut scheint nicht zu hören, wie sie gebeten wird, ihren Pass zu nehmen.

Luisa Goilabijewa, diese Mädchen aus einem tschetschenischen Dorf, ist gerade 17 Jahre alt geworden, sie hat ihre Abiturprüfungen in der Schule hinter sich. Der Mann, von dem sie während der ganzen Zeremonie Abstand hielt und der sich jetzt ihren Ehemann nennt, ist 30 Jahre älter als sie. Naschud Gutschigow leitet die Polizeiabteilung im Bezirk Noschaj-Jurt.

Empörung von Russen

Die Hochzeit, die am Samstagabend in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny stattfand, bekommt nun in Russland nun unerwartete Aufmerksamkeit und sorgt für große Empörung. Das liegt an einem Ehrengast der Feierlichkeiten: Der berüchtigte Präsident der nordkaukasischen Republik, Ramsan Kadyrow, besuchte die Trauung persönlich.
Russlands öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich damit wieder auf Kadyrow. Es ist ein Pakt: Kadyrow stellt sich nicht gegen den Kreml, dafür bekommt er die Freiheit, seine Region wie ein Diktator zu regieren. So scheint es auch im Falle der Hochzeit zu sein. "Ich habe den Eindruck, dass Tschetschenien nach eigenen Gesetzen lebt", sagt dazu die russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa.

Aktikel

Der Skandal begann mit einem Artikel in der "Nowaja Gaseta", die daraufhin ihre Arbeit in Tschetschenien einstellen musste. Die Korrespondentin Jelena Milaschina, eine Reporterin, die seit Jahren über Nordkaukasus berichtet und für ihre Arbeit mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, schrieb über die junge Braut, die sie im Artikel Heda nannte. Die Nachbarn der Familie hatten Milaschina kontaktiert und erzählt, dass die Schülerin zu einer Ehe mit dem mächtigen Leiter der Polizeiabteilung gezwungen werde.
Nach Angaben der Journalistin habe Gutschigow die Familie eingeschüchtert. Außerdem soll er bereits eine Frau haben. Das minderjährige Mädchen müsse nach islamischem Recht seine zweite Frau werden. Milaschina erreichte den Polizisten Gutschigow am Telefon. Er gab an, er habe bereits eine Frau, mit der er glücklich sei und brauche keine zweite.

Der Artikel verbreitete sich schnell im russischen Internet und bald reagierte der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow persönlich darauf. Im Republik-Fernsehen erklärte er, er habe seine Leute ins Dorf geschickt, um die Verwandte von Luisa zu fragen, ob sie der Ehe zustimmen oder nicht. Sie hätten kein Einwände, weswegen die Hochzeit stattfinden könne.

Behörden mischen sich nicht ein

Der russische Beauftragte für Kinderrechte, Pawel Astachow, erklärte in der vergangenen Woche, die russische Verfassung verbiete es, sich in das Privatleben von Bürgern einzumischen. Ehen mit Minderjährigen seien in Ausnahmefällen erlaubt. Außerdem würden Frauen im Nordkaukasus schneller reif. Seine Worte sorgten für Empörung im Internet und später entschuldigte er sich für die abfälligen Äußerungen über Frauen.
Es gebe keine genauen Angaben über Zwangsehen in Tschetschenien, aber solche Fälle würden immer wieder registriert. "Aus der Sicht des russischen Rechtes hätten sich die Behörden einmischen sollen", sagt Lokschina. "Aber Moskau hat sich nicht eingemischt, und Kadyrow durfte diese Show abspielen."

Wen nicht Behörden, dann wer?